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Basis aller Dialektik

 

Topic: Wie man in Verhandlungen Recht behält

Man kann in einer Sache selbst objective Recht haben und doch in den Augen des Anderen, ja bisweilen in seinen eigenen, Unrecht behalten. Wenn nämlich der Gegner meinen Beweis widerlegt, und dies als Widerlegung der Behauptung selbst gilt, für die es jedoch andere Beweise geben kann. In welchem Fall natürlich für den Gegner das Verhältnis umgekehrt ist: Er behält Recht bei objektivem Unrecht. Also, die objektive Wahrheit eines Satzes und die Gültigkeit desselben in der Perzeption und Annahme durch Dritte sind zweierlei. Auf das letztere, nämlich die Perzeption und Annahme eigener Aussagen durch Dritte, unabhängig vom objektiven Wahrheitsgehalt, ist die Dialektik gerichtet.

Zuerst ist zu betrachten das Wesentliche jeder Disputation, was eigentlich dabei vorgeht. Der Verhandlungspartner hat eine These aufgestellt (oder wir selbst, das ist gleich). Sie zu widerlegen, gibt es drei Modi und zwei Wege.

1. Die Modi

a)  ad rem [in bezug auf die Sache]
b) ad hominem [in bezug auf den Menschen, mit dem man disputiert], oder
c) ex concessis [aufgrund der Einräumungen des Gegners]

 

Wir zeigen entweder, dass (a) der Satz nicht übereinstimmt mit der Natur der Dinge, der absoluten objektiven Wahrheit; oder aber (b) nicht mit dem Verhalten, anderen Behauptungen oder (c) Einräumungen des Gegners, d. h. mit der relativen subjektiven Wahrheit. Letzteres ist nur eine relative Überführung und sagt nichts aus über die objektive Wahrheit.


2. Die Wege

Direkte Widerlegung (a) oder Indirekte Widerlegung (b) - Die direkte greift die These bei ihren Gründen an, die indirekte bei ihren Folgen. Die direkte zeigt, dass die These nicht wahr ist, die indirekte, dass sie nicht wahr sein kann.

a)  Bei der direkten Widerlegung können wir zweierlei. Entweder wir zeigen, dass die Gründe seiner Behauptung falsch sind (nego majorem; minorem [ich bestreite den Obersatz; den Untersatz]) - Oder wir geben die Gründe zu, zeigen aber, dass die Behauptung nicht daraus folgt (nego consequentiam [ich bestreite die Schlussfolgerung]), greifen also die Konsequenz, die Form des Schlusses an.
b) Bei der indirekten Widerlegung gebrauchen wir entweder die Apagoge oder die Instanz.
 
aa)  Die Apagoge ["das Wegführen"] - Wir nehmen seinen Satz als wahr an. Und nun zeigen wir, was daraus folgt, wenn wir in Verbindung mit irgend einem andern als wahr anerkannten Satze selbigen als Prämisse zu einem Schlusse gebrauchen, und nun eine Konklusion entsteht, die offenbar falsch ist, indem sie entweder der Natur der Dinge, oder den anderen Behauptungen des Gegners selbst widerspricht, also ad rem oder ad hominem falsch ist (Sokrates in Hippia maj. et alias): folglich auch der Satz falsch war. Widerspricht sie einer ganz unbezweifelbaren Wahrheit geradezu, so haben wir den Gegner ad absurdum [zum Widersinn] geführt.
bb)  Die Instanz - Exemplum in contrarium [Gegenbeispiel]: Widerlegung des allgemeinen Satzes durch direkte Nachweisung einzelner unter seiner Aussage begriffener Fälle, in denen er jedoch nicht gilt, also selbst falsch sein muss.

 

Dies ist das Grundgerüst, das Skelett jeder Disputation. Denn hierauf läuft im Grunde alles Disputieren zurück. Dies alles kann wirklich oder nur scheinbar, mit echten oder mit unechten Gründen geschehen. Und weil hierüber nicht leicht etwas sicher auszumachen ist, sind die Debatten so lang und hartnäckig. Wir können auch dabei das wahre und scheinbare nicht trennen, weil es eben nie im voraus bei den Streitenden selbst gewiss ist. Daher sind Stratagemata ohne Rücksicht, ob man objective Recht oder Unrecht hat. Denn das kann man selbst nicht sicher wissen. Und es soll ja erst durch die Disputation ausgemacht werden.

Übrigens muss man, bei jeder Disputation oder Argumentation überhaupt, über irgend etwas einverstanden sein, daraus man als einem Prinzip die vorliegende Frage beurteilen will, denn:

Contra negantem principia non est disputandum
[Mit jemanden, der die Anfangssätze leugnet,
                         ist nicht zu streiten]

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Adaptiert aus Arthur Schopenhauer: Eristische Dialektik, 1830/31

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